Fassadengrün
Fassadengrün bezeichnet die vertikale Begrünung von Gebäudeaußenwänden mit Pflanzen. Als Bestandteil der Schwammstadt trägt Fassadengrün dazu bei, versiegelte und dicht bebaute Stadträume funktional zu ergänzen, ohne einen relevanten zusätzlichen Flächenverbrauch zu verursachen. Durch die Nutzung der Vertikale wird insbesondere in hochverdichteten Quartieren ein wirksamer Beitrag zur klimaangepassten Stadtentwicklung geleistet.
Die vertikale Vegetation wirkt über mehrere Mechanismen: Durch Verdunstung wird Wärme aus der Umgebungsluft abgeführt, gleichzeitig absorbiert und reflektiert das Blattwerk einen Teil der solaren Strahlung. Dies führt zu einer messbaren Abkühlung der Fassadenoberfläche und der unmittelbar angrenzenden Luftschichten. Die Höhe des Abkühlungseffektes hängt dabei maßgeblich von der Art der Vegetation, der pflanzenverfügbaren Wassermenge und von der Intensität der Sonneneinstrahlung ab.
Zusätzlich wirkt das Blattwerk mit seinen Luftpolstern als dämmende Schicht und verschattet die Fassadenoberfläche. Dies kann zu einer maßgeblichen Verbesserung des Innenraumklimas von Gebäuden und zu einer Reduktion des technischen Kühlbedarfs führen. Der Einsatz einer laubabwerfenden Bepflanzung macht es gleichzeitig möglich, im Winter die einstrahlende Sonnenenergie zu nutzen (vgl. Pfoser et al. 2013).
Das Potenzial zur Regenwasserspeicherung beschränkt sich bei Fassadengrün überwiegend auf die Blattoberflächen und – bei bestimmten Systemen – auf das Substrat, fällt jedoch im Vergleich zu anderen Schwammstadt-Bausteinen (z. B. Retentionsdächer oder Mulden) geringer aus.
Grüne Fassaden bieten zahlreiche Synergieeffekte: Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Aufenthalts- und Wohnqualität. Begrünte Fassaden wirken strukturierend und belebend im Stadtbild, können Lärm mindern, Feinstaub binden und CO₂ aus der Luft aufnehmen. Sie bieten Lebensräume für Insekten und Vögel und fördern so die urbane Biodiversität. Zudem wird durch die wärmeregulierende Wirkung von Fassadengrün Energie für Heizung und Kühlung eingespart.
Nicht alle Standorte eignen sich gleichermaßen für eine Fassadenbegrünung: Je nach System muss ausreichend Raum für den Wurzelbereich und für ein vorgesetztes Rankgerüst vorhanden sein. Außerdem muss genügend Platz für Pflege und Instandhaltungsmaßnahmen bleiben, die gesetzlichen Abstände zu Nachbargrundstücken eingehalten und bei Eingriff in den Seitenraum die Auswirkungen auf den Fuß- und Radverkehr abgewogen werden. Zudem spielt die Ausrichtung der Fassade eine wesentliche Rolle bei der Auswahl der Pflanzenart. Nach Osten oder Westen ausgerichtete Wände bieten hierbei die meisten Möglichkeiten. Neben der Sonneneinstrahlung muss auch der Windeintrag Berücksichtigung finden. Bei allen Vorhaben der Fassadenbegrünung sind die Bauphysik, die Statik sowie die brandschutztechnischen Eigenschaften zu prüfen.
Es ist zwischen zwei Systemen des Fassadengrüns zu unterscheiden: Erdgebundenes Fassadengrün und Systemgebundenes Fassadengrün.
Erdgebundenes Fassadengrün
LEISTUNGEN: Verdunstung | Speicherung | Verschattung
Beim erdgebundenen Fassadengrün werden die Pflanzen direkt im Boden vor der Fassade gepflanzt. Die Vegetation erschließt Wasser und Nährstoffe überwiegend aus dem natürlichen Bodenraum. Je nach Pflanzenart erfolgt der Bewuchs entweder direkt an der Fassade durch selbstklimmende Pflanzen oder über Rank- und Kletterhilfen durch Gerüstkletterpflanzen.
Der direkte Bewuchs zeichnet sich durch einen geringen technischen Aufwand und geringe Investitionskosten aus, während der Bewuchs mit Gerüst eine größere Pflanzenauswahl umfasst und die Leitung des Bewuchses in der separaten Ebene der Fassade ermöglicht.
Das erdgebundene Fassadengrün verfügt über eine hohe ökologische Robustheit. Durch den direkten Anschluss an den Boden können natürliche Bodenfunktionen genutzt werden, was den Bewässerungsbedarf reduziert und die Resilienz gegenüber Trockenperioden erhöht. Erdgebundenes Fassadengrün ist besonders langlebig und weist bei geeigneter Standortwahl einen moderaten Pflegeaufwand auf.
Voraussetzung ist ein ausreichend großer, durchwurzelbarer Bodenraum sowie die Berücksichtigung bauphysikalischer und statischer Anforderungen. In Abhängigkeit von Gebäudeart und Pflanzenwahl können Wurzelschutzmaßnahmen erforderlich sein, um eine Beschädigung des Bauwerks zu verhindern. Erdgebundene Systeme eignen sich insbesondere für Neubauten, Sanierungen mit Freiflächenanschluss sowie für niedrige bis mittelhohe Fassaden.
Systemgebundenes Fassadengrün
LEISTUNGEN: Verdunstung | Speicherung | Verschattung
Systemgebundenes Fassadengrün umfasst alle wand- oder fassadenmontierten Begrünungssysteme, bei denen Substrat und Vegetation in Modulen, Kassetten oder Tragsystemen vor oder an der Fassade angeordnet sind oder die Gebäudeaußenhaut ersetzen. Die Pflanzen sind hierbei nicht mit dem natürlichen Boden verbunden und werden über technische Systeme mit Wasser und Nährstoffen versorgt, in der Regel automatisiert.
Diese Systeme ermöglichen eine Begrünung auch dort, wo kein direkter Bodenkontakt vorhanden ist, etwa bei stark versiegelten Flächen, Tiefgaragenüberbauungen oder an sehr hohen Gebäuden. Sie bieten große gestalterische Flexibilität und erlauben eine gezielte Auswahl von Pflanzenarten unabhängig vom Untergrund.
Im Kontext der Schwammstadt ist es besonders sinnvoll, systemgebundene Fassadenbegrünungen mit Regenwassernutzung zu kombinieren, beispielsweise durch die Bewässerung aus Zisternen oder Retentionsdächern. Dadurch kann der Einsatz von Trinkwasser reduziert werden.
Demgegenüber stehen ein eher hoher technischer, planerischer und finanzieller Aufwand sowie ein regelmäßiger Pflege- und Wartungsbedarf. Die statischen Lasten, der Brandschutz und die langfristige Funktionsfähigkeit der Bewässerungs- und Entwässerungssysteme müssen frühzeitig berücksichtigt werden. Systemgebundenes Fassadengrün eignet sich vor allem für repräsentative Gebäude, hochverdichtete innerstädtische Lagen und Projekte mit hohen gestalterischen oder klimatischen Anforderungen.
Weiterführende Literatur:
Fassadenbegrünungsrichtlinien - Richtlinien für die Planung, Bau und Instandhaltung von Fassadenbegrünungen der FLL (2018)
Vertikale Begrünung aus der Reihe Fachbibliothek Grün von Nicole Pfoser (2018)
Grüne Fassaden von Nicole Pfoser, erschienen im Detail Verlag München (2023)
Handbuch Bauwerksbegrünung: Planung, Konstruktion, Ausführung, 2. Auflage von Manfred Köhler (Hrsg.) erschienen im Rudolf Müller Verlag Köln (2022)
Bauwerksbegrünung im Bestand von Nicole Pfoser erschienen im Rudolf Müller Verlag Köln (2025)
Zahlreiche Fachinformationen des Bundesverbandes Gebäudegrün e.V. (BuGG) (URL: https://www.gebaeudegruen.info/)